Impulse | Bewusstseinstraining von Daniela Große

Bewusster Umgang mit der Bestimmung bei Behinderung

Die Bestimmung eines Menschen mit Behinderung liegt meiner Erfahrung nach oft in deren Inneren: im Aufbau unsichtbarer Netzwerke zwischen Menschen mit den gleichen Herausforderungen und dem Austausch heilsamer Informationen darin, die von innen nach außen und wieder zurück wirken. Statt alles daran zu setzen, einem Menschen mit Behinderung ein gewöhnliches Leben zu ermöglichen, kann es für alle sehr heilsam sein, sich zusammen einem ungewöhnlichen Leben hinzugeben.

Liebes Du,

Jeder Mensch hat eine Bestimmung. Auch die Menschen, denen wir keine Bestimmung zutrauen, weil sie auf fremde Hilfe angewiesen sind, um zu (über)leben. Jeder hat einen Grund, für den er lebt – ob wir diesen Grund wahrnehmen oder nicht, erkennen oder nicht, an ihn glauben oder nicht. Die Bestimmung eines jeden von uns ist da und erfahrbar, solange wir leben.

Die Bestimmung von Menschen mit Behinderung liegt oft in ihrem Inneren verborgen. Dort, wo die Behinderung ein gewöhnliches Leben verhindert, ermöglicht sie das Ungewöhnliche. Kraft, die für das Bewältigen eines gewöhnlichen Alltags nicht gebraucht wird, konzentriert sich im Inneren eines Menschen mit Behinderung und steht dort für geistige Arbeit zur Verfügung.

Als Mensch mit hochsensiblen Sinnen hast Du leichten Zugang zu diesen inneren Welten und vielleicht ahnst Du auch, dass in einem Menschen mit Behinderung Großes steckt. Größeres, als die offensichtliche Schwäche vermuten lässt.

Menschen mit Behinderung erscheinen mir wie Wegbereiter eines neuen Miteinanders, bei dem Kommunikation und Austausch untereinander nicht mehr an Gegenstände gebunden ist, sondern Information durch Energie innerhalb eines gemeinsamen Netzwerks übertragen wird.

Oft bin ich mir in Gegenwart eines Menschen mit Behinderung nackt vorgekommen. Ich war sichtbar für den anderen, ohne die Möglichkeit Gedanken oder Gefühle zu verstecken. Meine wunden Punkte lagen offen und wurden berührt. Diese Berührung war nur schmerzhaft, solange ich mir meine Verwundung nicht eingestand. Aber meinen Schmerz in Gegenwart eines Menschen mit Behinderung verbal auszudrücken, war sehr heilsam für mich. Wo vorher Widerstand vom anderen zu spüren war, kam mir jetzt Wärme und Wohlwollen entgegen. Nach all meinen Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung glaube ich, dass sie die Heiler der Zukunft sein könnten. Ich halte es für möglich, dass die Bestimmung von Menschen mit Behinderung im Heilen von uns Menschen ohne Behinderung liegt. Da, wo wir einfach abgestumpft und unsere Sinne wie tot sind, werden wir durch den Umgang mit der Behinderung derart überreizt, dass wir uns wieder spüren. Dann ist es an uns, Wege zu finden unsere Sinne zu pflegen und zu hegen.

Ein Mensch mit Behinderung steht ganz am Anfang einer Heilungskette von innen nach außen und zurück nach innen. Er setzt in seinem Inneren Impulse, die über sein inneres Netzwerk viele andere Menschen mit den gleichen Themen erreichen. Ich glaube, dass viele Menschen im Umgang mit Behinderung vor den gleichen Herausforderungen stehen, aber ganz unterschiedliche Lösungen finden. Die Lösung, die ich für mich finde, verändert meinen Umgang mit dem Menschen mit Behinderung. Diese äußerliche Veränderung geht als Impuls zurück ins innere Netzwerk und wird dort als Information wieder an alle anderen verteilt. Soviel Trennung eine Behinderung im Außen mit sich bringt, so groß ist aber auch die Verbindung und der Zusammenhalt mit Gleichgesinnten im Inneren.

Die Herausforderung im Alltag liegt daran, sich nicht von offensichtlicher Schwäche verwirren zu lassen. Dann wird der Umgang miteinander zu einem Machtkampf, bei dem alle nur verlieren können: Kraft, Respekt, Lebensfreude. Gelingt es aber, die eigene Wahrnehmung so weit zu öffnen, dass auch die Stärken und die Bestimmung eines Menschen mit Behinderung sichtbar werden, können wir einander Kraft und Mut geben. Dann muss ich nicht am anderen ziehen, um ihm ein gewöhnliches Leben zu ermöglichen, sondern kann mich einem ungewöhnlichen Leben einfach hingeben.

Deine Geschichte
legt schwere Gewichte
um Deine Beine.
Sei mutig und weine!
Lass Deine Tränen berühren,
was Du nicht wolltest spüren:
Deine Größe und Stärke,
die wunderbaren Werke,
die Du gekommen bist zu tun
und Dich nicht eher auszuruhen,
bis Deine eigene Kraft
persönliche Wunder schafft.

Gedicht von Daniela Große

Als hochsensibler Mensch wirst Du spüren, wann ein Mensch mit Behinderung zu leuchten beginnt und kannst dann überlegen, wie Du ihn darin unterstützen kannst. Es macht auch Sinn zu überlegen, wie Du Dich selbst unterstützen kannst, den anderen bestmöglich zu unterstützen, so dass Du in Deiner Kraft bleiben und dem anderen seine Kraft zu erleben ermöglichen kannst. Sehr wahrscheinlich wirst Du über das innere Netzwerk eines Menschen mit Behinderung auch in Deinem Inneren Informationen empfangen können, die hilfreich für Eure gemeinsame Zeit sind. Hochsensibilität ist ein Geschenk für alle, die ohne Worte auszukommen wissen.

Manchmal kann es auch notwendig sein, zwischen einem Menschen mit Behinderung und einem ohne Behinderung zu übersetzen. Immer dann, wenn die innerlich gesandten Informationen nicht gehört werden, sprechen Taten. Um ein Beispiel zu nennen: wer in stressigen Situationen einkotet will nicht absichtlich ärgern, sondern ausdrücken, was er Scheiße findet.

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mich innerlich leer zu machen, die übertragenen Informationen aufzunehmen und dann handelnd in den Alltag umzusetzen. So vieles, was ich für wichtig hielt, ist es überhaupt nicht, wenn die eigene Bestimmung nach innen gerichtet ist. Rahmenbedingungen zu schaffen, die einem Menschen mit Behinderung das Ausleben seiner (inneren) Bestimmung ermöglichen und nicht verhindern, ist für alle Beteiligten eine richtig gute Idee.

Herzliche Grüße,

Deine Daniela | Bewusstseinstraining von Daniela Große