Wann kommt das Neue: E-Mail-Begleitung

Wann kommt das Neue? Deine E-Mail hat mich beim Lesen sehr berührt. Vielleicht, weil ich diese Ungeduld, wann das Neue beginnt, auch in mir trage. Und ich spüre auch dieses Müllmeer, von dem Du schreibst. Mir ist es in Form eines Traums begegnet.

Hast Du Dich schon mal gefragt, was das Neue konkret für Dich ist? Woran würdest Du es in Deinem Alltag erkennen? Mir geht es so, dass ich das Neue sehr gut fühlen, beschreiben und mich danach sehnen kann. Trotzdem bleibt es diffus, wenn ich versuche, mir das Neue in meinem Alltag als ganz konkrete, gelebte Tatsachen, vorzustellen. Wahrscheinlich liegt das in der Natur der Dinge, denn neu bedeutet ja, dass wir es noch nicht (er)kennen, sondern uns erst langsam damit anfreunden müssen. Vielleicht ein bißchen so, wie sich der Kleine Prinz und der Fuchs im gleichnamigen Buch vorsichtig miteinander vertraut gemacht haben…

Wenn ich mich so an das Neue in meinem Leben annähere, dann stelle ich staunend fest, wieviel Neues es schon in meinem Leben gibt. Ich habe es bisher nicht wahr genommen und dadurch auch nicht wert geschätzt, so sehr war ich damit beschäftigt, auf eine große Veränderung zu warten. Neu in meinem Leben ist zum Beispiel, es als großes Glück zu empfinden, Zeit für mich zu haben, die ich nach meinen Wünschen gestalten kann. Dabei war diese Zeit für mich schon immer da – nur habe ich mir dieses Geschenk, nie so deutlich bewusst gemacht. Stattdessen habe ich mich dafür geschämt, Zeit zu haben.

Für mich sind es tatsächlich die ganz einfachen kleinen Dinge, die das Neue im Alltag charakterisieren. Umso mehr von ihnen in meinem Alltag zusammen kommen, desto besser wird das Neue sichtbar. Das Neue ist jetzt bereits da. Zwar in Einzelteilen, die ich bewusst zusammensetzen muß, um eine Veränderung in meinem Leben auch zu spüren, aber es ist da. Manchmal erinnert mich das Ganze an selbst gemachte Pizza, wo ich entscheide, was ich darauf haben möchte und wie ich die Zutaten miteinander kombiniere. Je nachdem was ich wähle, so schmeckt sie dann…

Oft hält mich auch meine Erwartung, wie das Neue zu sein hat, davon ab zu erkennen, dass dem Neuen meine Erwartungen egal sind. Das Neue ist einfach da und ich kann mich dafür öffnen, es in den kleinen alltäglichen Dingen wahrzunehmen oder nicht. Ich kann mit dem Fuß aufstampfend auf eine große Veränderung in meinem Leben bestehen (und das mache ich all zu oft) und so traurig werden, wenn das Leben nicht macht, was ich will. Ich kann aber auch die Verantwortung für das Neue in meinem Leben übernehmen, indem ich mich neu verhalte. In den letzten Jahren habe ich so viele Dinge gefunden, die mir gut tun – in allen Bereichen meines Lebens. Ich ernähre mich anders, ich bewege mich anders, ich verhalte mich anders. Wenn es mir schlecht geht, weiß ich, was ich selbst für mich tun kann. Wenn ich mich zum Beispiel mutterseelenallein fühle, dann koche ich mir Griesbrei mit Mangomus und fühle mich geborgen. Ist das nicht auch das Neue? Sind wir nicht auch ein bißchen Entdecker?

In den letzten Tagen hat mich besonders der Gedanke gequält, dass es so langsam vorwärts geht. Innerlich mache ich riesige Schritte, äußerlich komme ich mir auf dem Fleck stehend vor. Ich hab diese Gedanken wirken lassen mit der Absicht, zu verstehen, was das Problem ist … und habe unglaubliche Anspannung wahrgenommen, die Härte und Stillstand erzeugt. Mir ist klar geworden, dass es tatsächlich Bereiche in meinem Sein gibt, die auf Energiearbeit kaum reagieren. Ich kann drum herum atmen, ich kann hinein atmen, aber die Spannung bleibt, weil es eine physische Spannung ist.

Dann war das Wort „abzittern“ in mir präsent und ich habe angefangen danach zu recherchieren. Interessant für mich war, dass Anpassungsreaktionen auf traumatische Erfahrungen in den ersten drei Lebensjahren die Entwicklung des Nervensystems steuern und nachhaltig beeinflussen. Mein kindliches Nervensystem hat sich zum Beispiel daran angepasst, in einer depressiven Umgebung zu leben. Noch heute nehme ich meine Welt mit diesem Nervensystem wahr, obwohl sich meine Umgebung verändert hat. Ich habe so oft das Gefühl „Ich bin allein. Hier ist niemand. Ich kann machen was ich will, niemand bemerkt mich. Ich kriege keine Verbindung.“ und ich bin sehr sensibel, was Dunkelheit und Schmerz anderer Menschen angeht. Auf einmal ergibt diese Weltsicht einen neuen Sinn, denn es ist die Weltsicht des Kindes in mir. Aus der Ohnmacht des Kindes gegenüber traumatisch empfundenen Situationen ohne die Möglichtkeit zu Flucht oder Kampf, ist die ganze dafür zur Verfügung gestellte Energie in den Muskeln abgespeichert worden, gesteuert vom ältesten Teil des Gehirns, dass weder mit Gedanken noch mit Gefühlen zu erreichen ist. Da ist sie, die unglaubliche Anspannung in mir, die so wenig auf Energiearbeit reagiert.

Ich habe zwei Möglichkeiten gefunden, mit dieser Anspannung zu arbeiten. Wenn ich merke, dass ich mich mit dem Nervensystem meiner Kindheit durch die Welt bewege, mache ich einen Realitätscheck: Sind die realen Tatsachen gerade wirklich so, wie ich glaube? Bin ich wirklich mit dieser Situation allein? Die Antwort ist meistens nein. Ein Realitätscheck spricht die jüngeren Gehirnteile an und holt durch aktuelle Sinneswahrnehmungen aus der Vergangenheit ins Jetzt. Zusätzlich nehme ich mir Zeit, abzuzittern (die Fachwelt nennt das autonomes neurogenes Zittern). Die aktivierte Energie von Flucht oder Kampf landet im Psoas-Muskel. Wenn der sich durch das Zittern entspannt, kommt in den ältesten Gehirnteilen die Nachricht an, dass das Trauma vorbei und ein Leben im entspannten Zustand wieder möglich und sinnvoll ist.

Manchmal merke ich beim Zittern gar nichts, außer der Erleichterung, meinem Körper eine Möglichkeit zu geben, sich selbst zu entspannen, wo ich mich willentlich nicht entspannen kann. Manchmal kommen dabei unangenehme Bilder oder Emotionen hoch. In diesen Momenten weiß ich dann auch, wofür ich all die Jahre soviel Selbstreflektion und innere Arbeit geleistet habe: damit ich jetzt das was hoch kommt, einfach durchfließen lassen und gleichzeitig gut für mich sorgen kann. So viele Themen sind schon angeschaut und so viele Themen sind mir vertraut. Was aufsteigt ist ein bißchen wie alte Bekannte, die man ewig nicht mehr gesehen hat, und sie bei einer erneuten Begegnung grüßend ihrer Wege gehen läßt. Das macht mich so friedlich.

Ich danke Dir fürs Lesen dieser so lang gewordenen Antwort, die so viel von mir erzählt und hoffe, dass etwas dabei ist, dass Dir einfach gut tut. Der Weg zurück zu liebevollen Verbindungen mit anderen Menschen ist vielleicht nicht immer angenehm, aber so heilsam.

Herzliche Grüße,

Wann kommt das Neue | E-Mail-Begleitung mit Daniela Große